Velotour an die Nordsee

Montag, 16.07.2018: Bahnfahrt Schweiz – Hamburg

Der Tag der Abreise ist da. Die Sagoschen sind gepackt, die Wohnung aufgeräumt und die Fahrräder stehen bereit. Nach letzten Kontrollen fahren wir zum Bahnhof und besteigen die S-Bahn nach Luzern, um dort genügend Zeit zum Einsteigen in den Zug nach Basel zu haben. Das Veloabteil ist schon sehr gut besetzt, die Zugsbegleiterin will uns zuerst mal abwimmeln. Wir können sie aber überzeugen, dass da noch zwei freie Plätze vorhanden sind. Zu unserem Glück hatten wir den richtigen Riecher und fuhren nach Luzern, um den Zug nach Basel zu besteigen.
In Basel treffen wir unseren Sohn Lukas mit der kleinen Daria, unserer Enkelin, zu Kaffee und Gipfeli. Da gibt es doch einiges zu berichten.
Darauf besteigen wir die S-Bahn zum Badischen Bahnhof, wo wir unseren EC nach Hamburg erwarten. Die Wartezeit verkürzen wir mit dem mitgenommenen Picknick. Pünktlich fährt der Zug ein, und wir können unsere Velos problemlos an den reservierten Plätzen aufhängen. Stressig ist dann der Gang mit Sagoschen, Rucksäcken und Velotaschen zu unseren reservierten Plätzen im vordersten Wagen, da der Zug bereits wieder fährt. Aber da können wir es uns gemütlich machen, haben wir doch eine sehr lange Fahrt vor uns. Wir vertreiben uns die Zeit mit der Betrachtung und Kommentierung der vorüberziehenden Landschaften.
Die Fahrt endet mit einer Verspätung von rund zwanzig Minuten im Hamburger Hauptbahnhof. Da hier sehr viele Leute aussteigen und unsere Velos einige Bahnwagen weiter hinten hängen, gestaltet sich das Aussteigen und Zurechtfinden nicht ganz ohne Stress. Aber schliesslich finden wir uns wieder in der Menge, Margrit mit dem Gepäck und ich mit den Velos. Einen Lift auf die Ausgangsebene und den Ausgang selbst erspähen wir schnell. Das Hotel, das wir von einem früheren Besuch Hamburgs kennen, erreichen wir in wenigen Minuten. Noch etwas zwischen die Zähne, und dann ist schon bald Lichter löschen angesagt: Erholung von der Hinreise und Energieaufbau für den morgigen Tag.

Dienstag, 17.07.2018: Velofahrt Hamburg – Glückstadt (77 km)

Schon vor sieben Uhr finden wir und zum Morgenessen im Restaurant ein. Ein reichhaltiges Buffet erwartet uns. Nach ausgiebiger Mahlzeit machen wir uns auf den Weg. Im stressigen Morgenverkehr fahren wir zu den Landungsbrücken. Vor uns, hinter uns, links und rechts pfeilen die einheimischen Velofahrer an uns vorbei. Da und dort, wo es eng ist, müssen sie sich halt etwas gedulden.
Uns steht ein gemütlicher Einstieg in den ersten Velotag bevor. Mit den Linienschiffen der Hamburger Verkehrsbetriebe erreichen wir nach einmaligem Umsteigen die Station Teufelsbrück, wo nun endlich unsere Tour beginnt. Es ist ein derart gutes Gefühl, wieder einmal für ein paar Tage per Velo in einer anderen Welt unterwegs zu sein. Ziel unserer heutigen Fahrt ist Gückstadt, so rund 60 km von Hamburg entfernt.
Gemütlich geht’s der Elbemündung entlang Richtung Wedel. Da müssen wir vom Ufer weg, und zwar über eine recht steile Treppe. Die Räder mit aufgeschnalltem Gepäck sind schwer. Aber wir schaffen’s.
Nun kommen die unangenehmen Überraschungen. Das Sperrwerk Pinnau wird erneuert, der Durchgang ist nicht möglich, wir werden umgeleitet. Dafür kommen wir am Melkhus vorbei, ein Bauernhof, bei dem eine Raststätte für Radler eingerichtet ist. Hier werden verschiedene Köstlichkeiten aus hauseigener Produktion angeboten. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, von diesem Angebot zu kosten.
Die Weiterfahrt gestaltet sich dann etwas schwieriger. In Altenfeldsdeich wollen wir den Weg zum Krückau-Sperrwerk nehmen, als uns ein entgegenkommender Radler darauf aufmerksam macht, dass hier wegen Bauarbeiten ebenfalls keine Durchfahrt möglich sei und dass er umkehren musste. So bleibt uns nichts anderes übrig, als den Umweg über Elmshorn zu machen.
Schliesslich erreichen wir unsere Unterkunft, das Gästehaus kleiner Muck in Glückstadt gegen 18 Uhr todmüde doch noch. Die warme Dusche und ein kleines Nickerchen lassen unsere Lebensgeister wieder erwachen. Jedenfalls machen wir noch einen Rundgang durch das Städtchen, genehmigen uns ein grosses Alsterwasser bzw. ein Weissweinschorle auf einer gemütlichen Hafenbeizterrasse, bis uns der aufkommende Wind vertreibt, und essen darauf noch eine Kleinigkeit in einem Strandkorb am Hafenbecken. Und nun ist eine stärkende Nachtruhe angesagt.

Mittwoch, 18.07.2018: Velofahrt Glückstadt – Friedrichskoog (54 km)

Wir kriegen in unserer Unterkunft ein reichhaltiges Frühstück. Gut vorbereitet machen wir uns darauf auf den Weg. Unser Ziel ist Friedrichskoog. Anfangs läuft eigentlich alles sehr gut. Aber der Wind wird im Laufe des Tages immer stärker, und er bläst fast immer aus der falschen Richtung, nämlich gegen uns. Das Mittagessen nehmen wir auf einer Bank vor den Schleusen des Nord-Ostseekanals ein. Dabei beobachten wir die in den Kanal ein- und ausfahrenden Schiffe. Wir staunen, dass ein riesiges Container-Frachtschiff in den Kanal einfährt. Der Kanal weist offensichtlich eine beträchtliche Kapazität auf.
Wir fahren oft am Fuss von Deichen oder sogar ganz oben auf dem Scheitel. Die Deiche werden von Schafen „gemäht“. Riesige Herden sind damit beschäftigt, den Graswuchs im Rahmen zu halten. Offenbar reicht das nachwachsende Gras zurzeit nicht, um die Schafe zu sättigen. An verschiedenen Orten hat man Ihnen grosszügig Kohlköpfe ausgestreut, damit sie genug zu fressen haben. Für uns Radfahrer haben diese Schafe allerdings verschiedene Beeinträchtigungen zur Folge. Erstens stehen und liegen sie oft im Weg, wenn wir zu einer Herde kommen. Zweitens verknoten und verpissen sie die Fahrbahn, und wer da durchfährt oder sogar seine Füsse unvorsichtig aufsetzt, riecht die Schafe noch lange. Zudem sind wir gezwungen alle paar hundert Meter abzusteigen und die Gattertüren zu öffnen. Hinter uns fallen sie dann jeweils mit lautem Knall wieder ins Schloss.
Zum Glück fahren wir einige Zeit danach nach harter Gegenwind-Bewältigung unmittelbar an ein wunderbares Restaurant weit draussen im Mündunsgebiet der Elbe. Da gibt es frisch gemachte Waffeln mit heissen Kirschen, einer Kugel Vanille-Eis und Schlagsahne, einfach köstlich.
Die Weiterfahrt gestaltet sich noch schwieriger. Ein immer kräftigerer Gegenwind macht uns zu schaffen. Wir kommen einfach nicht richtig auf Touren, und unser Ziel, Friedrichskoog, will und will nicht näher rücken. Fünf Kilometer davor telefoniere ich dann mit möglichen Unterkünften, und da erhalte ich beim dritten Versuch eine Zusage. Unser Logis für die kommende Nacht ist reserviert.
Rund eine halbe Stunde später werden wir von unserer Gastgeberin, Frau Harders, herzlich begrüsst und können gleich eine ganze Ferienwohnung für eine Nacht beziehen.
Nachdem wir uns wieder auf Vordermann gebracht und im nahen Supermarkt ein paar Dinge besorgt haben, gehen wir in einem nahen Fischrestaurant essen. Eine Spezialität des Hauses ist die Krabbenpfanne mit Gemüse. Sie schmeckt mir ausgezeichnet. Dann ist Bettruhe angesagt.

Donnerstag, 19.07.2018: Velofahrt Friedrichskoog – Büsum (33 km)

Ich bin schon frühmorgens wach, schreibe an diesem Bericht und werfe hie und da einen Blick aus dem Fenster. Bodennebel liegt über den Feldern, die Tauben gurren und Schwalben sind bereits auf der Insektenjagd.
Das Morgenessen kriegen wir im Garten serviert. Der ist ganz schön eingerichtet mit Treibhäusern, Hühnerställen, Obstbäumen und unserem einem Strandkorb ähnlichen Sitzplatz mit Tischchen. Da speisen wir ausgiebig und stärken uns für die bevorstehende Veloetappe, die vorläufig am Hafen von Büsum enden soll. Wenn dort nämlich ein Schiff nach Helgoland fahren sollte, dann möchten wir dort zwei Nächte bleiben.
Zuerst aber ist noch ein Besuch beim rewe-Markt angesagt, da dort freier Internetzugang besteht. Schliesslich möchte ich eine günstig erstandene Sim-Karte fürs Handy aktivieren. Trotz mehreren Versuchen klappt das nicht, da die Verbindung einfach zu wenig stabil und zu schwach ist. Nach rund einer Stunde brechen wir diese Übung ab und machen uns unverrichteter Dinge auf den Weg.
Die bevorstehende Strecke ist nicht sehr lang. Schon nach kurzer Zeit sind wir am Abschlussdeich, fahren da teilweise auf der landseitigen, dann wieder auf der seeseitigen Route. Mehrmals halten wir inne und beobachten mit dem Feldstecher die zahlreichen Vögel, u.a. Austernfischer, Brandgänse, Bachstelzen, Kiebitze, verschiedene Möwen.
Das Sperrwerk beim Kaiserin-Auguste-Viktoria-Koog wird erneuert, so dass wir mir unseren schwer bepackten Fahrrädern den Deich durch eine Schafherde hindurch erklimmen müssen und auf der anderen Seite der Baustelle auf einem Schotterweg den Radweg wieder erreichen. Zum Glück ist alles so trocken. Was wäre hier bei Regenwetter anzutreffen?
Frühzeitig treffen wir in Büsum ein und finden den Hafen sehr gut. Die Radroute führt nämlich direkt dorthin. Ich gehe mal zu einem Ticketschalter, um mich wegen den Fahrten nach Helgoland zu erkundigen. Solche finden täglich statt. Nun erkläre ich der Verkäuferin, dass ich Fahrkarten nur dann kaufe, wenn ich Gewissheit habe, dass wir auch eine Unterkunft fänden. Da erklärt sich ein freundlicher Herr hinter dem Tresen bereit, nach einer Unterkunft nachzufragen. Und prompt kann er mir eine Zusage geben. Er erklärt mir auf einem Ortsplan den Weg. Ich kaufe zwei Fahrkarten, und der Deal ist perfekt. Wir finden das Hotel leicht und werden von einer überaus freundlichen Dame empfangen, die uns bittet, hereinzukommen, um uns allerdings mitzuteilen, dass das Zimmer leider bereits per Internetanbieter gleichzeitig vergeben worden sei. Sie hätte noch ein Zimmer für diese Nacht, aber für morgen nicht mehr. Sie wolle uns aber helfen, eine Unterkunft zu finden. Wir möchten aber nicht an zwei verschiedenen Orten übernachten. Nachdem sie mehrere erfolglose Telefonate geführt hat, schickt sie uns zu einer Unterkunftsvermittlung an der Heidestrasse, zu Frau Klamm. Diese Dame hat für uns ein Angebot im Hotel Siegfried, das wir mit etwas gemischten Gefühlen annehmen. So begeben wir uns zum genannten Hotel und kriegen unser Doppelzimmer mit Dusche und WC auf dem Gang, ein sehr geräumiges und sauberes Zimmer mit zwei grossen Fenstern, hell und still, nahe beim Hafen gelegen, fast zum halben Preis vom vorherigen Angebot.
Nach der Retablierung begeben wir uns noch an den Badestrand und ins Zentrum, immer auch auf Ausschau nach einem geeigneten Restaurant. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Etappenorten ist hier enorm viel los. Touristen in rauhen Mengen drängen aneinander vorbei. In Büsum soll ja der Tourismus an der Nordseeküste „erfunden“ worden sein, laut unseren Reiseführern. Und gebaut wird hier!
Früh gehen wir schlafen, denn der Gegenwind und die Wirren mit unserer Unterkunft haben uns ermüdet.

Freitag, 20.07.2018: Schifffahrt nach Helgoland
Heute ist velofrei. Um Viertel vor acht sind wir im Frühstücksraum, eine halbe Stunde später bei der «Lady Büsum». Sie, ein kleines Hochsee-Passagierschiff, soll uns in rund zweieinhalb Stunden auf die einzige deutsche Hochseeinsel bringen. Und das tut sie zuverlässig und in der vorgesehenen Zeit. Mit gleichbleibender Geschwindigkeit und grossem Motorenlärm verlässt sie den Büsumer Hafenbereich, durchpflügt die recht hohen Wellen und trägt uns vor Helgoland. Dort erwartet uns eine Überraschung, müssen wir doch, wie das vor Jahren schon Brauch war, auf die sogenannten Bördeboote umsteigen. Diese bringen uns auf die Insel.

Auf einem Rundgang lernen wir die Insel und deren tierische Bewohner etwas besser kennen, insbesondere die Basstölpel.
Auf der Heimfahrt dösen wir vor uns hin. Zum Nachtessen gehen wir in ein Restaurant am Hafen, wo es feinen Fisch, nämlich Schollenfilet gibt.

Samstag, 21.07.2018: Velofahrt Büsum – Garding (62 km)

Die heutige Velofahrt führt uns nach Garding. Damit hat es eine besondere Bewandtnis, denn an diesen Ort wollten wir eigentlich gar nicht. Und so kam es dennoch dazu:
Wir beschliessen am Morgen, die Küstenroute über Westerhever zu fahren. Schon bald telefoniere ich mit einem Unterkunftsanbieter. Da ist aber niemand zuhause. Ich rede auf den Telefonbeantworter. Aber da will einfach kein Rückruf kommen. Als wir dann an der Wegverzweigung sind, versuche ich’s nochmals. Immer noch der Anrufbeanworter. Also probiere ich’s mit den anderen Anbietern in der Umgebung. Alles besetzt oder unbekannte Nummer oder niemand zuhause. Also ändern wir die Route, fahren über Garding. Die Anbieter hier sind aber auch schon alle belegt. Nur Frau Gröhn in Garding ist bereit, uns im Notfall in einem Bauwagen übernachten zu lassen. Nach zwei weiteren vergeblichen Versuchen, melden wir uns bei ihr als Notfall an.
Wir nehmen den Weg nach Garding unter die Räder und werden dort äusserst freundlich empfangen. Frau Gröhn zeigt uns die Unterkunft und die zugehörigen sanitären Anlagen. Wir sagen zu und bereiten uns auf den Besuch eines Restaurants im Städtchen vor. Dort gibt es ein reichhaltiges Angebot, dabei auch Nordseescholle auf Finkenwerder Art, was mich begeistert.
Nach dem Essen kehren wir in „unseren“ Bauwagen zurück. Frau Gröhn, ihr Mann und ihre Gäste sitzen an einem grossen Tisch zusammen. Wir werden ebenfalls eingeladen, hinzu zu sitzen. Kaum haben wir uns gesetzt, flippt meine Tischnachbarin aus. Sie hat Schweizer Mundart gehört, und das weckt in ihr Heimatgefühle, wie sie sagt. Sie und ihr Partner lebten 16 Jahre in Fahrwangen und kehrten nach seiner Pensionierung nach Deutschland, in den Raum Frankfurt zurück. Daraus ergeben sich interessante Diskussionen für alle Anwesenden, und es wird spät.

Sonntag, 22.07.2018: Velofahrt Garding – Süderhafen (48 km)

Wir haben in „unserem“Bauwagen eine gute Nacht verbracht. Schon früh stehen wir auf und machen uns abreisebereit. Wir begeben uns reisefertig mit unseren Rädern zur nahegelegenen Bäckerei, wo wir unser Frühstück im Freien draussen vor dem Laden einnehmen können. Die Sonne scheint bereits und die Temperatur ist angenehm.
Schon vor acht Uhr fahren wir Richtung Husum ab. Weit und breit sind wir die einzigen Radfahrer auf dem Weg. Dafür können wir zwei Hasen beobachten, die aber bei unserem Anblick schleunigst die Flucht ergreifen. Allerdings ist der eine doch noch neugierig, hält an, schaut sich um und verschwindet dann aber schon bald hinter der Deichkrone.
Wir kommen sehr gut voran. Der Gegenwind ist moderat. In Husum angekommen, geniessen wir eine Latte Macchiato und ich eine tote Tante (heisse Schokolade mit einem Schuss Rum und Schlagrahm obendrauf). Zudem reservieren wir telefonisch ein Zimmer für heute Abend in Süderhafen. Und dann geht es gemütlich weiter, schliesslich ist bereits für die Nacht vorgesorgt.
Da passiert etwas völlig Unerwartetes. Wir fahren nebeneinander und machen uns auf dies und jenes aufmerksam. Ich weiss nicht wie, aber plötzlich ist Margrit nicht mehr neben mir, sondern liegt mit Velo und Gepäck am Boden. Radfahrer kümmern sich um sie, ich frage nach Ihrem Befinden. Zum grossen Glück ist sie mit Ausnahme der beiden Hände, womit sie sich am Boden auffing, und eines aufgeschürften Knies völlig intakt. Wir können die Helfer dankend wegschicken. Ich desinfiziere ihr die Wunden und verbinde ihre rechte Daumenwurzel, die schon früher etwa in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und dann geht die Fahrt weiter, unterbrochen von einer kurzen Mittagsrast.
So sind wir etwa um zwei in Süderhafen und können uns im Zimmer wieder auf Vordermann bringen.
Im Beizli vis-à-vis gibt’s eine Erfrischung. Wir gehen noch dem Hafenbecken entlang und beobachten ein paar Pflanzen, die auf salzigen Böden gedeihen, sowie ein paar Vögel, u.a. den Austernfischer, den grossen Brachvogel, und andere Limikolen, die wir zu wenig kennen.
Zum Znacht gibt es für mich eine mit Nordseekrabben gefüllte Scholle und anschliessend noch einen Deich-Spaziergang, während sich Margrit von den Strapazen des Sturzes erholt.

Montag, 23.07.2018: Velofahrt Süderhafen – Dagebüll (46 km)

Wir sind schon früh auf, besprechen den Tagesplan und machen uns für die Abreise bereit. Ab acht Uhr gibt es Frühstück. Darauf machen wir uns auf den Weg. Wieder kämpfen wir gegen den Wind. Hie und da machen wir einen Halt, denn immer wieder gibt es etwas zu sehen. Dann packe ich den Feldstecher aus und beobachte Graugänse, Flussuferläufer, Sandregepfeifer, Weisswangengänse, Schnatterenten u.a.
Zweimal werden wir  wegen Erneuerungsarbeiten in die Irre geführt  . Ein Streckenabschnitt wird mit grossem Plakat als gesperrt angegeben. Wir wählen die alternative Route und stehen nach wenigen Kilometern vor einer aufgerissenen, unpassierbaren Strasse. Haben wir die Ankündigung zu wenig genau gelesen? Zum Glück ist da ein Weidetor. Wir können auf der Wiese die Deichkrone erreichen und auf der anderen, der „gesperrten“ Seite weiterfahren. Beim zweiten Mal sehen wir keine Ankündigung der Sperrung, stehen aber urplötzlich vor einer Barriere. Über staubige und holprige Wege finden wir endlich die Hauptstrasse, die nach Dagebüll hineinführt.
Die nächste Herausforderung besteht darin, eine Unterkunft zu finden. Wir haben nämlich unterdessen beschlossen, zwei bis drei Nächte hier zu bleiben und von hier aus Ausflüge zu den Inseln Amrum und Föhr zu machen, denn hier starten die Fähren zu den beiden Inseln. Im Touristikbüro bekomme ich die Auskunft, dass nur gerade ein Zimmer für die heutige Nacht frei ist. Nachdem wir selber noch ein paar erfolglose Anrufe bei möglichen Anbietern getätigt haben, nehmen wir das uns angebotene Zimmer und melden uns bei der Hotelrezeption. Dort macht man uns Hoffnung, dass eventuell doch noch etwas frei werden könnte. Aber wir geben uns noch nicht zufrieden und suchen noch weitere Möglichkeiten auf den Inseln. Das Ergebnis ist negativ.
So gehen wir zum Aperitif ins Fährenbistro, erkundigen uns über die Fahrpläne und die Ticketpreise, schauen uns etwas im Ort um und gehen anschliessend zum Nachtessen ins Hotel. Nach dem Essen erkundigen wir uns nochmals an der Rezeption, und oh Wunder, da wird morgen ein Zimmer frei. Wir buchen es gleich, und nun können wir den weiteren Verlauf unserer Tour planen. Morgen steht die Insel Amrum auf dem Programm, und zwar soll sie wandernd erkundet werden. Mal schauen, wie das kommt!

Dienstag, 24.07.2018: Ausflug auf die Insel Amrum

Es ist zwanzig vor zehn am Abend. Wir sitzen im Freien vor unserem Hotelzimmer. Am Horizont ist der Himmel rot-orange-gelb gefärbt mit ein paar wenigen weissen und gräulichen Wolken darüber. Weiter oben ist einfach blau. Der Tag war heiss. Wir nutzten ihn für den geplanten Ausflug nach Amrum, ohne Velo, mit Badehose und Badtuch, mit der Absicht eine gemäss Webebroschüre rund viereinhalbstündige Wanderung zu machen. Und so verlief der Tag:
Morgenessen um halb sieben, packen unserer Sachen für die Wanderung und für den Zimmerwechsel, deponieren unseres Gepäcks in einem wenig benutzten Speisesaal, Abmarsch mit Rucksack zum Fährehafen, Kauf der Fahrkarten, rund zweistündige Überfahrt über Wyk auf Föhr nach Wittdün auf Amrum, Fahrt mit dem Inselbus u.a. über die Stationen „Köhns Untergang“, „Zeltplatz, mit Badehose“, „Nebel Leuchtturm, ohne Badehose“, alles gemäss offizieller Ansage des Busfahrers nach „Nebel Strandweg“.
Auf dem Strandweg, der durch einen Kiefernwald und durch Dünen mit Heidegewächsen führt, erreichen wir einen feinsandigen, weissen Strand von unglaublichen Ausmassen, mehrere Kilometer lang, einige hundert Meter breit, erstreckt er sich im Westen der Insel. Natürlich hat es hier sehr viele Badegäste, aber diese verteilen sich derart, dass man auf weite Strecken wenig Leute sieht. So ziehen wir die Schuhe aus und stapfen der Wasserlinie entlang Richtung Süden. Auf der Höhe des Leuchtturms wenden wir uns wieder Richtung Osten, um auf die andere Seite der Insel zu gelangen. Dazu müssen wir die küstennächste Düne besteigen. Oben angelangt, präsentiert sich der Leuchtturm im besten Licht, ideale Verhältnisse, um ein Foto zu machen. Da steht plötzlich ein splitternackter Mann hinter uns und meint: „So gute Verhälnisse herrschen selten, um den Leuchtturm zu fotografieren.“ Da bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm zuzustimmen. Wir sind aufs älteste FKK-Gelände der zivilisierten Welt geraten. Er erklärt uns sehr gelassen, wie wir auf rechtmässigem Weg auf die Strasse und an die Bushaltestelle gelangen. Und den richtigen Weg finden wir dann problemlos.
Mit dem Bus gelangen wir zurück nach Wittdün. Margrit geht „lädele“, ich gehe an den Strand, um mich noch etwas abzukühlen. Aber da habe ich mich gründlich verrechnet. Anstelle von Wasser ist hier ein feuchtglitschiger Meeresboden. Und so unternehme ich barfuss noch eine kleine Wattwanderung, die meine Füsse schwarz werden lässt. Unter einem Wasserhahn bei einer öffentlichen Dusche am Strand bringe ich sie wieder einigermassen sauber. Als Margrit an den Strand kommt, habe ich wieder trockene Füsse. Zusammen beobachten wir das Treiben am Strand bis zum Zeitpunkt, wo wir dann aufs Schiff müssen, um nach Dagebüll zurückzufahren.
Jetzt geht’s ab in die Klappe.

Mittwoch, 25.07.2018: Rundfahrt auf der Insel Föhr (44 km)

Etwa um Viertel vor sechs sind wir auf. Um halb sieben gibt es Frühstück. Wir packen anschliessend all die Dinge ein, die für eine Inselexpedition per Fahrrad nötig sind.
Mir unserem Velogepäck (light Version) holen wir die Räder aus dem Hotelkeller und sind frühzeitig an der Fähren-Anlegestelle. Um zwanzig nach acht legt die Fähre nach Föhr rechtzeitig ab. In Wyk suchen wir zuerst den lizenzierten Lebara-Händler, um endlich meine extra für diese Reise gekaufte SIM-Karte zu aktivieren. Aber vergebens, der existiert offenbar nur auf der Website von Lebara. Also kaufen wir auf dem Markt von einheimischen Produzenten ein paar Früchte und Schafkäse fürs Picknick ein.
Wir haben heute im Sinn, eine Velotour rund um die Insel zu machen und dort anzuhalten, wo es etwas Sehenswertes gibt. Wir starten in Wyk im Gegenuhrzeigersinn. Schon nach wenigen Minuten ist der erste Halt angesagt. Es sind Weisswangengänse, aber auch Graugänse, Austernfischer, Schnatterenten und andere, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, und das nicht nur dieses eine Mal. In weitem Bogen fahren wir zuerst nach Nordost, dann eher nach Nordwest, nach Oldsum. Dort habe ich wegen einer Umleitung kurz einige Orientierunsprobleme. Wir finden den richtigen Weg schnell wieder. Am Deich, kurz vor Dunsum, machen wir Mittagsrast und geniessen die auf dem Einheimischenmarkt gekauften Produkte.
Der nächste Halt findet in der Gaststätte „Zum Wattenläufer“ bzw. im Gartenrestaurant statt, wo es für mich einen Coup «Deichkieker» mit Vanille-, Baumnusseis, Pflaumenmus, Schokolsdesauce und Schlagrahm gibt. Er schmeckt vorzüglich.
In Utersum machen wir beim Touristik-Informationszentrum Halt. Ich habe mein Velo bereits abgestellt, als Magrit, ihr Rad schiebend, zu mir kommt. Am Boden neben ihrem Velo schleppt sie eine „Schlange“ nach – es ist die Kette. Sie ist gerissen. Kette habe ich keine dabei, aber im Info-Zentrum bekommt Margrit die Auskunft, dass in Utersum eine Fahrradwerkstatt existiert. Also nichts wie hin. Die Werkstatt öffnet erst in einer Dreiviertelstunde. Wir warten. Pünktlich um zwei erscheint der Inhaber. Er erklärt uns aber sehr sec, dass er heute keine Reparaturen ausführe, da er heute allein im Betrieb sei. Er ist aber bereit, uns eine Velokette zu verkaufen. Montieren muss ich sie selbst, was mir nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt. Meine Hände sind schwarz und klebrig. Die Frage nach einem Lavabo mit Seife beantwortet der „freundliche“ Geschäftsmann so, dass er eine Spraydose zur Hand nimmt, mich auffordert, meine Hände hinzuhalten, diese einsprayt und mir einen Lappen in die Hand drückt, um den Schmutz, der sich nun leicht von der Haut löst, abzuwischen. Die Fahrt kann weitergehen.
Nun muss endlich ein Bad in der Nordsee her. Warm genug ist es, und Zeit haben wir auch genügend. Als wir das nächste Mal an den Strand kommen, ergreife ich die Gelegenheit. Aber das Wasser ist weit draussen, am Vormittag wäre dieses Vorhaben angebrachter gewesen. Nun wandere ich halt in Badehose etwa hundert Meter bis zum Wasser und dann nochmals ein paar hundert Meter weiter, bis ich wirklich schwimmen kann. So wenig tief ist hier das Meer. Die Abkühlung tut gut. Bis ich wieder bei Margrit zurück bin, bin ich weitgehend trocken, denn der ständig wehende, warme Wind lässt das Wasser auf der Haut schnell verdunsten.
Nach dieser Erfrischung, die nur ich geniessen konnte, geht unsere Inselrundfahrt weiter. In Nieblum machen wir einen Zwischenhalt, um die grösste Kirche der Insel, den sogenannten Friesendom, von aussen zu betrachten. Es handelt sich hier um ein mächtiges Backsteingebäude. Ausserdem sind wir von den schmucken Wohnhäusern, ebenfalls aus Backsteinen gebaut, mit schilfbedeckten Dächern, begeistert. Vielfach sind ihre Bewohner darauf bedacht, sie wunderschön herauszuputzen und mit Blumen zu schmücken.
Der Weiterweg gestaltet sich etwas schwieriger, weil wir nun viele sandige und kiesbedeckte, enge und kurvenreiche Wege fahren müssen. Aber es reicht noch, vor der Abfahrt der Fähre in Wyk ein Bierchen zu trinken und den Touristenstrom, der sich auf der Einkaufsstrasse der Insel tummelt, zu beobachten.
Während der Rückfahrt wird uns bewusst, das dass für lange Zeit die letzte Seefahrt sein wird. Wir geniessen sie.

Donnerstag, 26.07.2018: Velofahrt Dagebüll – Flensburg (61 km)

Heute steht eine längere Velofahrt quer durch Schleswig-Holstein an, von Dagebüll nach Flensburg. Ein heisser Tag und Ostwind sind angesagt. Wir haben uns eine Landkarte besorgt und den Verlauf unserer Fahrt einigermassen geplant. Wie es allerdings mit Radwegen steht, dass können wir der Karte nicht entnehmen. Und so fahren wir frühzeitig los.
Wir kommen trotz Gegenwind zügig voran. Die Radwege sind gut markiert und führen im Zickzackkurs durch die ebene Landschaft. Sie ist geprägt durch viele Getreideäcker, Viehweiden und riesige Windparks. Der Wind treibt die vielen Propeller der Windtürme kräftig an, und wir müssen immer wieder heftig dagegen ankämpfen.
So erreichen wir Flensburg schon am früheren Nachmittag. Das Quartier, das wir als erstes durchfahren, sieht ziemlich heruntergekommen aus. Viele junge Männer sind auf der Strasse, die orientalische aussehen uns sich nicht auf Deutsch unterhalten. In einem Handyladen mit angeschlossenem Internet-Café versuche ich wieder einmal meine in einem Supermarkt gekaufte SIM-Garte zu aktivieren, aber vergebens. Der Mann hinter der Theke spricht nur wenig Deutsch, kann mir aber wenigstens sagen, wo ich vorbeigehen kann, um mein Problem zu lösen. Dort klappt es dann wirklich.
Wir sind erstaunt über die vielen historischen Bauten, besorgen uns in der Tourismus-Information einen Stadtplan und gehen mal zuerst unseren Flüssigkeitsbedarf stillen. Dann begeben wir uns in die Bahnhofstrasse und beziehen unsere einfache Unterkunft, die überraschenderweise über Dusche/WC im Zimmer verfügt. Und nun können wir uns wieder fein schön machen für den abendlichen Ausgang.
Ein tolles Nachtessen in einem guten Restaurant am Hafen, nämlich ein Labskaus, rundet den Tag wunderschön ab.

Freitag, 27.07.2018: Velofahrt Flensburg – Schleswig (46 km)

Nach dem etwas weniger reichhaltigen Frühstück in unserm einfachen Hostel fahren wir mit unseren Rädern zum Bahnhof, weil wir dort die Wegweiser für den auf unserer gekauften Karte eingezeichneten Radweg nach Schleswig vermuten. Unser Vermutung stellt sich als goldrichtig heraus. Problemlos erreichen wir die ausgeschilderte Strecke über einen steilen Serpentinenweg, das Velo schiebend. Ebenso problemlos schaffen wir die ersten paar Kilometer, bis wir bemerken, dass wir irgendwie ins Abseits geraten. Wenn wir weiterhin diesen Schildern folgen, kommen wir nie nach Schleswig. Also fahren wir ein Stück zurück, nehmen einen anderen Weg, der auch markiert ist, und stehen plötzlich im Wald, nur noch ein Weg, der wie ein Wildwechsel aussieht, vor uns. Also wieder umkehren und zurück auf die Haupstrasse nach Schleswig. Und der folgen wir nun auf einem Radweg, getrennt von der Fahrbahn der Autos.
Aber dieser Radweg ist auch mal zu Ende. Wir folgen wieder den Radweg-Markierungen. Schon wieder werden wir auf Natursträsschen, Wald- und Wiesenwegen durch die Gegend geschleust, aber diesmal stimmt die Linienführung mit der Karte überein. Es ist heiss, und der Gegenwind macht uns das Fahren auch nicht leichter. Eine Automobilistin, die uns nach dem Weg fragen will, schafft es im weiteren Gespräch, uns wieder zu motivieren, indem sie uns erklärt, wo es in Schleswig die besten Fischspezialitäten und die köstlichsten Eisbecher gäbe. Und sie muss es ja wissen, denn als sie sich aus ihrem Auto schält, erkennen wir die Wirkung der gelobten Speisen.
So nach und nach kommen wir unserem Ziel näher. Und wie wir dann in den Stadtweg in Schleswig einschwenken, ist eilig ein grosses Alsterwasser bestellt und auch bald geleert. Die Touristeninformation finden wir schnell, wo wir uns über den Standort des vorbestellten Zimmers erkundigen und einen Stadtplan besorgen. Der Zufall will es, dass gerade der Journalist Ove Jensen zur Stelle ist und uns zu unseren Ferien-Erfahrungen interviewen will. So geben wir ihm bereitwillig Auskunft und lassen uns mit unseren Velos ablichten.
Die Wartezeit bis zum Zimmerbezug im Hotel überbrücken wir mit einem weiteren Schub Flüssigkeitszufuhr in einem Biergarten. Und danach geniessen wir den Abend, indem wir von den nachmittags gelobten Speisen in den ebenso gelobten Lokalen kosten und uns dabei intensiv mit einer einheimischen Dame unterhalten. Die Mondfinsternis verpassen wir als Folge der zunehmenden Schläfrigkeit und der späten Dämmerung.

Samstag, 28.07.2018: Bahnfahrt Schleswig – Hamburg
Die Schlagzeile des Tages… ja sogar unserer Veloreise: 

In den Schleswiger Nachrichten erscheint unser Foto mit einem Beitrag über unser Befinden.

Bevor wir zum Bahnhof fahren, statten wir dem Schleiufer und dem Schloss Gottorf einen Besuch ab. Da finden wir zufälligerweise einen Gedenkstein, der an die Opfer einer rechtslastigen Revolution gegen die Weimarer Republik erinnert, und eine Zusatztafel, die daran erinnert, dass auch auf der Seite der Anhänger der Republik Opfer zu beklagen waren und dass dieses Ereignis im Laufe der Jahre je nach politischer Ausrichtung der jeweiligen Regierung eben unterschiedlich gewichtet wurde. Wir sind uns einig, auch Schleswig ist ein Besuch wert.
Den Bahnhof erreichen wir über einen schattigen Naturweg, was wir angesichts der herrschenden Hitze sehr begrüssen. Margrit löst die Fahrkarten.
Problemlos erreichen wir den Hauptbahnhof Hamburg. Und da herrscht ein Gedränge, durch das wir mit unseren voll bepackten Velos irgendwie die S-Bahn nach Altona finden müssen. Denn dort ist unser Hotelzimmer reserviert. Verschwitzt und ziemlich genervt kommen wir an und müssen an der Rezeption erfahren, dass für unsere Fahrräder kein Raum zur Verfügung stünde. Ich reagiere darauf so, dass ich von Stornierung und der Suche nach einer anderen Unterkunft rede. Am DB-Schalter erfahre ich, dass auch die deutsche Bahn in Hamburg keine bewachten Fahrradständer betreibe. Auf dem Platz vor dem Bahnhof steht zum Gück ein abschliessbarer Veloraum, für dessen Benützung ein Telefonanruf an eine bestimmte Nummer zu machen sei. Aber da meldet sich niemand. Also kehre ich an die Rezeption zurück, und siehe da, man hat eine Lösung für unser Prolem gefunden. Ich darf die Velos in einen unbenutzten Sitzungsraum stellen. So können wir glücklich unsere Zimmer beziehen, und eine kühle Dusche lässt die Emotionen wieder herunterfahren.
Als wir wieder schweissfrei und abgekühlt sind, gehen wir auf einen Erkundungsspaziergang an die Elbe. Zuerst muss mal ein kühles Alsterwasser herhalten. Zwar drohen von Südwesten Regen, Blitz und Donner, wir kümmern uns aber zu wenig darum. Unser Spaziergang verläuft schön der Elbe entlang Richtung Osten. Die letzten Restaurants und öffentlichen Gebäude haben wir schon länger hinter uns gelassen, da ändert der Wind seine Richtung, wird heftiger und wirbelt Staub und allerlei Dreck auf. Die ersten schweren Tropfen fallen vom Himmel. Wir kommen zu einem modernen Gebäude mit grossen Fenstern und Tischen, einem Tresen im Innern. Da finden wir sicher Schutz vor dem drohenden Unwetter und bekommen einen Drink, denken wir. Ein junges Paar mit Bébé steht vor der Tür und teilt uns mit, dass da eine geschlossene Hochzeitsgesellschaft zu Gast sei. Also wird nichts aus unseren Wünschen. Wir eilen weiter, schon ein bisschen nass und finden nahe bei einer Bushaltestelle zusammen mir ein paar jungen Leuten einen Unterstand. Ein Bus kommt schon bald, aber der ist derart voll, dass es wirklich unmöglich ist, noch Platz zu finden. Wir stehen jetzt hinter einer Plakatwand, die uns vor dem Regen schützt. Ein Versuch, den Bus in der Gegenrichtung auf der anderen Strassenseite zu erreichen, misslingt, da der Fahrer abfährt, bevor wir ihn erreicht haben. Es regnet immer heftiger. Wir stellen uns in eine Tiefgarageneinfahrt mit minimalem Schutz, und werden nässer. Endlich taucht wieder ein Bus auf, und wir können uns noch gerade hineinzwängen, da wir als erste an der Türe sind. Hinter uns bleiben einige Leute im Regen stehen. Beim Altonaer Rathaus steigen wir aus und suchen Unterschlupf in einem Restaurant, und das für längere Zeit, da der Regen andauert.

Im Verlaufe des späteren Abends statten wir dem St. Pauli-Viertel mit der Reeperbahn einen Besuch ab. Aber da sieht es zum Teil schmutzig und heruntergekommen aus – wenig anmächelig.

Sonntag, 29.07.2018: Besichtigung Hamburgs

Heute stehen wir früh auf, denn jeden Sonntag ab fünf Uhr ist Fischmarkt in Hamburg. Den wollen wir uns nicht entgehen lassen. Vor sieben Uhr, nach der Dusche, gehen wir ohne Frühstück los. Mit der S-Bahn fahren wir bis Reeperbahn und marschieren zum Fischmarkt. Schon da kommen uns Leute mit Fruchtkörben, gefüllten Plastiktaschen und Kartons voller Zimmerpflanzentöpfe entgegen. Eine riesige Menschenmenge flaniert den unzähligen Marktständen entlang. Da und dort bilden sich vor einzelnen Ständen Menschentrauben. Hier ist ein Händler, der seine Waren zu äusserst günstigen Preisen anbietet. Da werden Südfrüchte ganz verschiedener Arten marktschreierisch in Körbe oder fangfrische Fische in Plastiksäcke oder Pflanzentöpfe in Kartons abgefüllt und zu Scleuderpreisen an Interessenten abgegeben. Für uns ist es allerdings keine Option, hier zuzuschlagen. Transport oder Verwertung dieser Waren kommen für uns nicht in Frage. Aber eine raffinierte, kleine Saftpresse für Zitrusfrüchte kaufen wir uns dennoch. Zudem haben wir noch nicht gefrühstückt, und so liegen auch noch zwei frisch gepresste Orangensäfte, ein frisches Crevettenbrötchen, ein Pfund türkische Zuckeraprikosen und zwei Kaffees drin.
Anschliessend kümmern wir uns um Tickets für die zweistündige Hafenrundfahrt. Die beginnt um 10.15 Uhr und führt u.a. durch die Speicherstadt, verschiedene Docks, den Container-Hafen und zu den Anlegestellen der grossen Kreuzfahrtschiffe. Es ist sagenhaft imposant, was alles auf den Ozeanen hin und her bewegt wird und was für riesige Schiffe dazu eingesetzt werden. Die locker und oft auch etwas bissig kommentierte Rundfahrt gibt aber einen guten Einblick in die Geschichte und Problematik des Hochseehafens Hamburg. So ganz nebenbei erfahren wir auch noch, das die MSC-Reederei, weltweit zweitgrösstes Unternehmen in dieser Sparte, im Hochseeland Schweiz beheimatet ist.
Danach sehen wir uns im Portugiesenviertel um, essen Tapas und beschliessen, dort unser Abendessen einzunehmen. Der „Michel“, das Wahrzeichen Hamburgs ist unser nächstes Ziel. Wir sehen uns die Kirche an, steigen aber nicht auf den Turm.
Nun ist eine Ruhepause angesagt, und wir kehren ins Hotel zurück. Anschliessend führt uns unser Spaziergang zum Johanni Kirchturm, der bei der Bombardierung Hamburgs 1943 stehen blieb und heute als Gedächtnis-Monument für die Naziherrschaft und deren Folgen Zeugnis ablegt. Wir fahren mit dem Lift hoch und bestaunen die Ausmasse Hamburgs und seines Hafens von oben.
Auf dem Rathausplatz ist gerade ein grosser Event im Gang. Da erfolgt der Zieleinlauf des Hamburger Iron Man. Die Stimmung ist fantastisch. Wir sehen wahrscheinlich die Athletinnen und Athleten der hinteren Regionen einlaufen, die vom Speaker und ihren Fans frenetisch bejubelt werden.
Den Abend lassen wir im portugiesischen Viertel ausklingen bei einem feine Essen, natürlich Fisch, und mit einem Ehepaar aus Malters, das gerade am selben Tissch isst und an einer Kreuzfahrt ans Nordkap teilnehmen wird. So gibt es viel zu erzählen.

Montag, 30.07.2018: Hamburg und Nacht der Heimreise
Schon am Morgen ist es warm in unserem Zimmer. Wir verlassen es früh und sind erstaunt, wie wenig Leute unterwegs sind. In einer nahen Bäckerei, die ein paar Tischchen draussen vor dem Laden stehen hat, bestellen wir uns zwei Kaffees sowie zwei Brötchen mit Butter und Käse und geniessen diese und die leicht kühlere Luft hier in der Fussgängerzone.
Danach ist Sagoschen und Rucksack packen angesagt. Mit Ausnahme einer Schokolade, die im Kühlschrank eventuell zur Freude des Zimmerpersonals liegen bleibt, kommt alles mit. Mit der Rezeptionistin vereinbare ich, dass wir unser Gepäck und die Velos im Hotel bis heute Abend deponieren können.

Für ein Besichtigungsprogramm im Stadtzentrum ist es einfach zu heiss. Deshalb einigen wir uns auf eine Kursschifffahrt nach Finkenwerder, machen dort einen Spaziergang in einem Park, führen uns die nötige Flüssigkeit wieder zu, kaufen noch ein paar Sachen für die Heimreise ein und fahren dann mit dem Kursschiff zurück zu den Landungsstegen. Von dort nehmen wir die U-Bahn zum Rathaus, gehen zu Fuss darauf zur Innenalster und geniessen dort den Schatten und die kühlende Frische des nahen Wassers. Ein Eisbecher und ein kühles Getränk lassen uns die herrschende feuchte Hitze vergessen.
Frühzeitig sind wir wieder zurück im Hotel, wo wir unser Gepäck und die Fahrräder herauslösen. Nun geht es mit der S-Bahn problemlos zum Hauptbahnhof, wo unser Zug um 20.46 Uhr abfahren sollte. Auf der Anzeigetafel werden bereits zwanzig Minuten Verspätung angekündigt. Zudem wird über den Lautsprecher verkündet, dass ein Wagen fehlt und dass zwei weitere Wagen unbenutzbar seien. Ich habe den Eindruck, dass genau der Wagen fehlt, in dem die Plätze für unsere Velos reserviert sind, was sich dann glücklicherweise als Irrtum herausstellt. Aber der Stress ist riesig, wollen doch mehrere Personen ihre Räder einladen, der Zug ist verspätet und wir müssen mit unserem Gepäck, je zwei Sagoschen, einem Rucksack und einer Lenkertasche, in den vordersten Wagen gelangen, denn dort sind unsere reservierten Plätze. Aber wir schaffen’s: etwa fünf Wagen weit auf dem Perron, die anderen fünf Wagen durch die anderen Passagiere mit ihrem Gepäck. Ich habe es einfach nicht mehr geschafft, unsere Räder abzuschliessen und meine Zwischenverpflegung ist im Helm liegen geblieben. Ich kann das allerdings später noch in Ordnung bringen.
Es ist jetzt kurz nach zehn, draussen ist es dunkel und der Zug rast durch die Nacht.

Dienstag, 31.07.2018: Ankunft zu Hause
05:15 Uhr, wir rasen zwischen Offenburg und Freiburg im Breisgau durch die Nacht, da erscheint der Zugschaffner in unserem Wagen und macht die Abschlusskontrolle. Anlässlich der anschliessenden Durchsage per Lautsprecher kündigt er den bevorstehenden Halt in Freiburg an, gibt durch, dass wir gerade durch Badisch Kalifornien fahren, und erwähnt, dass wir uns einer EU-Aussengrenze nähern und die nötigen Ausweispapiere bereithalten sollen. So nimmt unsere Velotour langsam ein Ende. Schon bald werden wir die Schweiz erreichen, und dann wird uns der Alltag wieder einholen. Unsere Reise per Zug, Velo und Schiff wird uns aber in guter Erinnerung bleiben.

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